Positionspapier der AG Privater Theater Baden-Württemberg

Zur Situation der Privaten Theater und ihrer Förderung durch das Land Baden-Württemberg

1) Leistungen Privattheater im Vergleich zu kommunalen Theater

Die derzeit 32 vom Land geförderten Privattheater erbringen erstaunliche Leistungen (Stand: Spielzeit 2014/15):

  • Sie erwirtschaften meist über das Doppelte der Fördersumme des Landes durch Eigeneinnahmen.
  • Sie erreichen 16,5 % des Theaterpublikums in Baden-Württemberg.

Hierzu ein Vergleich:

Die Gesamtförderung aller 32 Privattheater durch das Land beträgt: 4.244.798,00 €. Die Landesförderung für die Kommunaltheater beträgt das 10-fache: 43.279.664,00 €. Pro Besucher erhalten die 8 Kommunaltheater also eine 3,5-fache höhere Förderung durch das Land (23,76 €) im Vergleich zu den Privattheatern (6,90 €).

Die Vielfalt und Vielseitigkeit der unterschiedlichen Profile der Privattheater, reicht von Theatern, die an ihrem Standort Stadttheaterfunktion haben, bis zu Theatern, die gehobenen Boulevard oder Literaturtheater anbieten. Zahlreiche Privattheater betreiben neben dem Abendspielplan auch Kinder- und Jugendtheaterabteilungen, oder haben ihren Schwerpunkt im Kinder- und Jugendtheater. Viele entwickeln und pflegen inklusive, theaterpädagogische und/oder interkulturelle Projekte bis hin zu zweisprachigem grenzüberschreitenden Theater und Theater mit Geflüchteten. Die Privattheater tragen somit in einem hohen Maß zur Integration und zur kulturellen Bildung bei und sichern eine breite kulturelle Versorgung, insbesondere auch in ländlichen
Regionen.

Es geht nicht darum, die Leistung der kommunalen Theater zu relativieren, die Privattheater wissen auch um die schwierigen Bedingungen, unter denen gerade die kleinen Stadt- und Landestheater Enormes leisten. Wir fordern aber eine Aufwertung der Förderung der Privattheater, da private Theater äquivalente Leistungen wie kommunale Theater erbringen. Steuer- und sozialrechtlich sind sie den kommunalen Theatern gleichgestellt. Sie unterliegen den gleichen gesetzlichen Verpflichtungen wie Kommunaltheater: Mindestlohn, Dokumentationspflichten, NV-Solo, soziale Absicherung, Rentenzahlungen, Betriebsstättenverordnungen. Auch die unfallschutzrechtlichen Bedingungen unterscheiden sich nicht.

2) Soziale Absicherung an Privattheatern

Soziale Gerechtigkeit und neue Arbeitsgesetze sind in den Privattheater-Betrieben hochbrisante Themen. Ursächlich bedingt durch zu geringe Förderung, zu geringe Etats, bei gleichzeitiger Verschärfung von Gesetzen und Bestimmungen, zeichnen sich Existenz gefährdende Problemfelder ab.

  • Die Theater können die beschäftigten Künstler immer weniger ausreichend absichern, um Altersarmut zu verhindern.
  • Die Theater sind gezwungen, Gastverträge abzuschließen, die keine Absicherung bei Arbeitslosigkeit beinhalten.
  • Die Theater sind gezwungen, Künstlerverträge abzuschließen, die sich am Rande der Legalität bewegen. Risiken hoher Strafzahlungen an die Sozial- und Rentenversicherung gehen damit einher.
  • Anders als früher üblich können Praktikanten nur noch für 3 Monate beschäftigt werden. Danach fallen sie unter das Mindestlohngesetz. Die Kosten für Praktikanten, auf die Privattheater angewiesen sind, sind so deutlich gestiegen.

Auf die prekäre Situation an den Theatern weist die AG Private Theater seit vielen Jahren hin. Inzwischen geraten die Theater immer mehr in die ausweglose Lage, entweder alle Bestimmungen zu erfüllen, und ihre Beschäftigten – so wie es die Leitung auch will – sozialrechtlich abgesichert zu entlohnen, oder – um ihre Etats nicht zu überziehen – ihre künstlerische Freiheit, ihr Engagement einzuschränken.

Das heißt weniger kulturelle Bildung, weniger Kinder- und Jugendtheater, weniger Experiment, weniger Wagnis.

3) Förderschlüssel 2:1

Bei der Mittelvergabe durch das Land Baden-Württemberg wird seit Jahren der 2:1 Schlüssel als Zielvorgabe angesehen. Dieser Schlüssel weist derzeit einen Fehlbetrag von Seiten des Landes in Höhe von € 624.225 auf. Aufgrund dieses Missverhältnisses bei der Mittelvergabe sehen sich die Privattheater nicht mehr in der Lage, gleichzeitig sowohl die rechtlichen Bestimmungen, als auch die kulturellen, künstlerischen Zielvorgaben zu erfüllen. Wir fordern daher das Land auf, in der Gesamtsumme seiner politischen Verpflichtung nachzukommen, die 2:1 Förderung umzusetzen.

Angehängte Tabelle bietet eine Übersicht über dieses Missverhältnis.

4) Mögliche Kriterien für Mittelvergabe

Im Folgenden wurden durch die Sprecher der AG Privattheater Kriterien entwickelt, anhand derer sich eine zusätzliche Mittelvergabe nach Dringlichkeit ermitteln ließe:

a) Kinder- und Jugendtheaterarbeit

Einige Privattheater haben ihren Schwerpunkt im Kinder- und Jugendtheater, oder spielen sowohl für Erwachsene, als auch Kinder- und Jugendliche. Theater, die im Kinder- und Jugendbereich arbeiten, können im Vergleich zu Theatern, die in erster Linie für Erwachsene spielen, nur in weit geringerem Maße Eigeneinnahmen erzielen. Die Eintrittsgelder von derzeit 4-7 Euro je Besucher sind viel zu niedrig, um – anders als im Theater für Erwachsenen – Eigeneinnahmen zu erzielen, die die Vorstellungskosten decken.

b) Kulturelle Bildung

Viele Privattheater arbeiten im Bereich kulturelle Bildung, sie haben theaterpädagogische Angebote, engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, bieten Kurse und Workshops an. Auch bei dieser kulturellen Bildungsarbeit kann nur in sehr begrenztem Umfang Einnahmen erzielt werden.

c) Kulturarbeit im ländlichen Raum

Einige Privattheater übernehmen im ländlichen Raum die Aufgaben von Stadttheatern. Auch im ländlichen Raum können nur in weit geringerem Maße wie in den größeren Städten Eigeneinnahmen erzielt werden. Die Bereitschaft Eintrittspreise von 25-30 Euro zu bezahlen ist im ländlichen Raum viel geringer als in den Städten. Auch ist in diesen Regionen die politische Einsicht, dass Kulturarbeit öffentlich gefördert werden muss, geringer als in den Städten. Dies schlägt sich in der vergleichsweise niedrigeren öffentlichen Förderung von Privattheatern im ländlichen Raum nieder. Im Gegensatz zu den Städten gibt es im ländlichen Raum bisher auch kaum kulturelle Leuchtturmprojekte mit besonderer Ausrichtung und überregionaler Ausstrahlung.

d) Faire soziale Absicherung der künstlerischen Mitarbeiter

Trotz im Vergleich zu Stadttheatern schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bemühen sich viele Privattheater ihre künstlerischen Mitarbeiter fair und angemessen zu entlohnen. Sie richten sich in der Bezahlung nach NV-Solo und/oder nach den Richtlinien des Bundesverbandes Freier Theater. Sie zahlen in betriebliche Zusatzrenten ein (Bayrische Versicherung für Bühnenangehörige).  Sie bezahlen auch an Honorarkräfte angemessene Probenpauschalen, Mindestgagen von 150 € je Vorstellung, oft gibt es auch für auf selbstständiger Basis engagierte Künstler eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Das sind in der Theaterlandschaft Deutschlands keine Selbstverständlichkeit. Viele Privattheater sind Ausbildungsbetrieb (Veranstaltungskaufmann / Veranstaltungstechnik). Und sie engagieren sich im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes. Viele Privattheater kämpfen gegen eine Verarmung ihrer künstlerischen Mitarbeiter. Die faire soziale Bezahlung von Mitarbeitern, geringe Einkommensunterschiede zwischen Leitung und Mitarbeiter sollten bei der Förderung berücksichtigt werden.

e) 2:1 Förderung unter Berücksichtigung der betrieblichen Etats

Es gibt in Baden-Württemberg Privattheater, die sich besser stehen, und Privattheater, die ums Überleben kämpfen. Die wirtschaftliche Situation hat nichts mit der künstlerischen Qualität zu tun, oder dem – wie auch immer man ihn definiert – künstlerischen Erfolg. In erster Linie entscheidend sind die Fördermittel, der Standort, aber auch die Finanzkraft des Zielpublikums. Eine Erhöhung der Landesmittel sollte daher in erster Linie den Theatern mit einem Etat bis zu 1 Millionen Euro jährlich zukommen.

f) Außergewöhnliche Konzepte/Leuchttürme

Manche Privattheater arbeiten mit besonderen Konzepten, innovativ suchen sie neue Wege in der Baden-Württembergischen Theaterlandschaft, sie leisten Pionierarbeit. Sie haben sogenannte Alleinstellungsmerkmale, die sie von anderen Theatern unterscheidet. Diese Privattheater leisten einen besonderen Beitrag zur Kultur in Baden-Württemberg, eine Arbeit, die in der Förderung berücksichtigt werden sollte.

g) Gemeinnützigkeit

Privattheater, die als gemeinnützige GmbH oder Verein strukturiert sind, leisten in der Regel einen besonderen gesellschaftlichen Mehrwert, sie arbeiten nicht kommerziell. Ihre betrieblichen Strukturen, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse sind transparent, können vom Bürger jederzeit überprüft und hinterfragt werden. Bei der Förderung sollte die Gemeinnützigkeit der Arbeit berücksichtigt werden.

Die Entscheidungen über zusätzliche Förderungen einzelner Theater sollte, da es sich in erster Linie um strukturelle Mittel und nicht um künstlerische Mittel handelt vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst getroffen werden.

Gezeichnet
Steffi Lackner, Edzard Schoppmann, Albert Bauer
Sprecher der AG Privattheater BW

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