Positionspapier zur Kulturpolitik

AG Private Theater Baden-Württemberg November 2015

Die Privaten Theater sind in ihrer Vielfalt ein wichtiger Bestandteil der Baden-Württembergischen Theaterlandschaft. Sie leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur kulturellen Versorgung der Bevölkerung. Vielerorts, besonders in ländlichen Regionen übernehmen sie stadttheaterähnliche Aufgaben. In Städten übernehmen die Privaten Theater ergänzende Aufgaben zu Stadt- und Staatstheater. Die Konzepte der Privaten Theater in Baden-Württemberg sind in ihrer Vielfalt einzigartig in Deutschland. Zeitgenössisches experimentierfreudiges Theater, Boulevardtheater, Kabarett, Kinder- und Jugendtheater, interkulturelles Theater – die privaten Theater erfüllen in ihrer Diversität die verschiedenen Bedürfnisse eines Kulturpublikums. Sie leisten einen außerordentlichen Beitrag zur kulturellen Bildung und engagieren sich vielerorts in der Integration von Migranten. Für die Zukunft ist es Aufgabe der Privaten Theater sich immer wieder zu erneuern, ohne ihre Wurzeln zu verlieren, gleichzeitig aber auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen zu erkämpfen, um auf Dauer zu überleben.

Derzeit stehen viele der Privaten Theater nach wie vor wirtschaftlichen Problemen gegenüber, insbesondere die soziale Absicherung der beschäftigten Künstler ist besorgniserregend. An vielen Privaten Theatern werden aufgrund der wirtschaftlichen Situation kaum noch sozialpflichtige Arbeitsverhältnisse, sondern nur noch Honorarverträge mit Künstlern abgeschlossen. Diese Künstler arbeiten als Selbstständige, bei Arbeitslosigkeit fallen sie in ALG2. Altersarmut ist unter diesen Arbeitsbedingungen vorprogrammiert. Rechnet man die oft sehr niedrigen Probengagen auf die zu leistenden Arbeitsstunden um, liegen Künstler an privaten Theatern oft unter dem Mindestlohn. Ursächlich für diesen sozialen Missstand ist nicht eine vermeintlich schlechte Wirtschaftlichkeit der Privaten Theater, ganz im Gegenteil arbeiten die Privaten Theater mit einem deutlich höheren prozentualen Einspielergebnis als Theater in öffentlicher Trägerschaft. Ursächlich für die soziale Situation ist die nach wie vor nicht ausreichende Förderung vieler Privater Theater durch die öffentliche Hand.

Gleichzeitig sehen sich die Privaten Theater von Seiten der Politik immer neuen politischen Anforderungen gestellt, um ihre Förderung zu legitimieren. Sie sollen integrativ arbeiten, gesellschaftskritisch, das Publikum unterhalten, aber nicht kommerziell agieren, interkulturell arbeiten und kulturell bilden. Das alles machen die Privaten Theater, aber nicht jedes private Theater ist personell und wirtschaftlich in der Lage jede dieser Aufgaben zu übernehmen. Es kann nicht Sinn von kultureller Förderung sein, den Wert privater Theater daran zu messen, wieviel sie sich in kultureller Bildung und Interkulturalität engagieren. Jedes Konzept – auch das eines Boulevardtheaters – ist im Sinne der Vielfalt der Baden-Württembergischen Theaterlandschaft förderungswürdig. Richtig ist aber auch, ein Theater, das sich im Bereich kulturelle Bildung, im Kinder- und Jugendtheater oder in der Arbeit mit Flüchtlingen engagiert, benötigt höhere Finanzmittel als ein Boulevardtheater, bei dem vergleichsweise höhere Eintrittseinnahmen erzielt werden können.

Daher fordern die Privaten Theater:

  1. Eine ausreichende finanzielle Förderung der Theater durch die Sitzgemeinden der Theater. Mancherorts – gerade auch im ländlichen Raum – schmücken sich Gemeinden mit „ihrem Theater“, sie sind aber nicht bereit, obwohl die Gemeinden nicht arm sind, genügend Fördermittel zur Verfügung zu stellen. Der Ruf nach höherer Förderung durch das Land greift hier zu kurz, ist nicht gerechtfertigt.
  2. Bisher wird als Förderschlüssel des Landes Baden-Württemberg eine Förderung jedes Theaters im Verhältnis 2:1 Kommune-Land zu Grunde gelegt. Dieser Schlüssel wird teilweise eingehalten, teilweise ist der Förderschlüssel des Landes deutlich niedriger. Für die Zukunft fordern die Privaten Theater, dass sich die Gesamtfördermittel des Landes Baden-Württemberg an die Privaten Theater am Förderschlüssel 2:1 Kommunen-Land orientieren. Die Verteilung der Landesmittel an die einzelnen Theater soll sich dann in Zukunft nach dem zu ermittelnden Finanzbedarf der einzelnen Theater orientieren. Das heißt, ein Theater, das über geringere Möglichkeiten der Eigenfinanzierung verfügt (z.B. Kinder- und Jugendtheater), kann einen prozentual höheren Förderbetrag durch das Land erhalten als 2:1. Ein Theater, das über gute Möglichkeiten der Eigenfinanzierung verfügt, kann einen niedrigeren Anteil als 2:1 erhalten.
  3. So sinnvoll die Vergabe von Projektmitteln ist (Innovationsfonds, Projektmittel Privattheater, Projektmittel Kinder- und Jugendtheater), diese Förderung kann nicht dazu dienen, die institutionelle Förderung zu ersetzen. Die beschriebene Überforderung der Aufgaben der Privaten Theater würde so weiter fortschreiten, gleichzeitig würden diese Projektförderungen, die ja bestimmte politische konzeptionelle Ziele verfolgen, zu einem Verlust der künstlerischen Vielfalt führen.  
  4. Viele der Privaten Theater betreiben eigene, selbstständig finanzierte Häuser, in den Erhalt dieser Häuser muss immer wieder investiert werden. Die Kosten für den Erhalt müssen entweder aus dem laufenden Haushalt oder mit zusätzlichen Fördermitteln finanziert werden. Es ist Aufgabe der Sitzgemeinden und des Landes, entweder Mittel für den Erhalt aus dem laufenden Haushalt des Theaters zu bewilligen – das ist teilweise nicht möglich –  oder Land und Stadt müssen ihrer gemeinsamen Verantwortung gerecht werden, indem sie zusätzliche Investitionsmittel im Verhältnis 2:1 Kommune-Land zur Verfügung stellen.
  5. Zur Sicherung der Situation von selbstständigen Theaterkünstlern im Alter, zur Verhinderung von Altersarmut, fordern die Privaten Theater zusätzlich zur gesetzlichen Künstlersozialkasse den Aufbau einer berufsständigen Zusatzversicherung auf Bundesebene vergleichbar der Bayrischen Versicherung für angestellte Theaterkünstler.

Gez. Edzard Schoppmann, Steffi Lackner, Albert Bauer

Sprecher der AG Private Theater Baden-Württemberg  

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